Fort William - Inverness - Black Isle - Speyside - Glen Shee

So. 17.8.97, Spean Bridge - Inverness

[Etappe zeigen] Der Sonntag beginnt regnerisch, doch stört mich das nicht weiter, schließlich habe ich mein Ziel vor Augen: Fort Augustus, wo ich zwei Freunde (Sebastian und Helge) treffen will. Viel zu zeitig natürlich komme ich an der Touristeninformation an und investiere meine allerletzten 25p in ein Wassereis. Wegen des nahen Loch Ness ist der Ort über die Maßen gut besucht, inzwischen leckt die Sonne meine Regenklamotten trocken. Gegen 11.30 kreuzen Sebastian und Helge tatsächlich auf (immerhin hatten wir uns 2 ½ Wochen vorher verabredet), bringen mir ein paar Ersatzteile von zu Hause und einige Süßigkeiten, die meine Schwester mitgeschickt hat. Nach einer Weile Klönerei fahren wir alle Richtung Inverness ab, ich weiß noch nicht, ob ich heute schon dort ankommen will, oder noch eine Nacht in der "Pampa" verbringe, um gleich am nächsten Vormittag den Campingplatz aufzusuchen (dergleichen praktizierten Matthias und ich schon in Norwegen gern, um z.B. einen halben Tag zusätzlich zum Waschen zu haben). Das Urquhart Castle liegt an der Strecke, ich sehe es mir nur wegen meiner Mitgliedschaft bei Historic Scotland an, ansonsten ist der Eintrittspreis von 3,50 £ schon recht überzogen. Bald darauf ist die Allgegenwärtigkeit der Nessie-Legende nicht mehr zu übersehen: Visitor Center und immer wider Boat Cruises auf dem Loch werden in Drumnadrochit angeboten


Glencroe

Mangels Keksen (tragisch, tragisch) hält ein kleines Tütchen Essig-Chips von Sebastian als Vesper am Loch Ness-Ufer her. Nach rasanter Fahrt erreiche ich gg. 17 Uhr Inverness, wo sich die zwei Autofahrer nach ihrem "anstrengenden" Tag ein Schläfchen gönnen. Eilig suche ich eine Bank und plündere dann den Tesco-Supermarkt (wie üblich esse ich reichlich auf dem ersten Campingplatz, kaufe Margarine und andere Dinge, die ich mir bislang versagte). Am Abend machen wir gemeinsam die Stadt unsicher (zwei Pubs, einige Male Eis bei McDonalds o. Burger King, Castle bei Nacht - leider nichts Historisches, sondern lediglich ein Verwaltungsbau aus dem vorigen Jahrhundert).

Mo. 18.8.97, Pause in Inverness

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Helge (l.) und Sebastian im Hintergrund

Waschtag mit Hindernissen: über ein Handwaschbecken für Wäsche verfügen nur die Damenwaschräumlichkeiten (wo bitte bleibt da die Gleichberechtigung). Sebastian und Helge fahren nach dem späten und ausgiebigen Frühstück und haben sich für heute eine gute Wegstrecke vorgenommen (über Oban zum Loch Long), für die ich mehrere Tage bräuchte.

Di. 19.8.97, Black Isle-Rundfahrt

[Etappe zeigen] Heute steht von Inverness aus ein kleiner Abstecher nach Norden an - eine Rundfahrt auf der Black Isle. Ab Inverness, an einer großen Malzfabrik vorbei, führt die A9 als Dual Carriage Way über die Kessock Bridge auf die Halbinsel. Aus der Ferne erschien sie im Dunst versunken und der Morgen war recht frisch, kaum auf der Insel jedoch, scheint die Sonne. Ohne Gepäck und bei besten Straßen- und Wetterverhältnissen verspricht die Tour ein Sonntagsausflug zu werden. Auf der B9161 und später der A832 fahre ich nach Fortrose, ein kurzes Stück im Küstennebel, wo Ruinen einer Kathedrale aus rotem Sandstein zu besichtigen sind. Just bei meiner Ankunft hebt sich der Nebel um die alten Gemäuer und macht auch hier den Sonnenstrahlen Platz. Südlich von Fortrose am Chanonry Point sollen mit etwas Glück Delphine und Robben zu sehen sein (von zwei bekannten Delphin-Schwärmen lebt der eine irgendwo in Wales, der zweite hier im Moray Firth).
Nach gut 45 km komme ich um 13.30 in Cromarty an. Die Attraktion des Ortes, Hugh Miller's Cottage öffnet erst wieder um 14.00, Zeit genug für die Mittagspause in Gesellschaft einer Maus am Wasser.
Die Hütte von Hugh Miller, der Steinmetz gelernt und für 14 Jahre ausgeübt hatte, nebenbei Geologe, später Journalist, Schriftsteller und Kirchenreformer wurde und mit 54 Jahren Selbstmord beging, ist ein hübsches weißes Häuschen mit Reetdach und niedrigen Decken (ich bin ja nun eher klein, hatte aber keine Handspanne Platz über'm Kopf). Drinnen ist eine Ausstellung, Räume sind mit altem Mobiliar versehen und eine kurzes Video wird gezeigt. Hinter dem Haus befindet sich ein kleiner Garten, u.a. mit einer schönen steinernen Sonnenuhr.
Zurück fahre ich am Nordrand der Black Isle. Um exakt 14.59 ist Urlaubshalbzeit. Ein bißchen freue ich mich, daß die verbleibende Zeit nun nicht mehr so lang wird, weiß aber genau, daß ich spätestens zu Hause immer wieder sehnsüchtig zurückblicken werde und mir oft nichts mehr wünsche, als einfach irgendwo in Schottland in die Pedale treten zu können. Noch ein Stück A9 ist zu fahren, bevor ich die Kessock Bridge zum zweiten Mal überquere und bald darauf beim Safeway-Supermarkt bin.
Zum Abend gibt's Gemüsesuppe aus der Dose (die macht meinem Öffner den Gar aus) mit viel Cheese&Onion Bread, danach schreibe ich ein paar Postkarten. Viel zu schnell vergeht die Zeit auf dem Zeltplatz, der dritte Abend in Inverness bricht an.
Übrigens: In Inverness weisen die ersten Wegweiser in den einsamen Norden, in einem Tag wäre man von hier aus in Ullapool, und damit fast auf den Äußeren Hebriden, in zwei Tagen wäre die Strecke nach John o'Groats zu meistern.

Mi. 20.8.97, Inverness - Forres

[Etappe zeigen] Ab heute geht es tendenziell nur noch nach Süden. Ich verlasse Inverness bei Nieselregen mit Kurs auf das Culloden Battlefield, dem Ort der endgültigen Jakobiterniederlage im Jahre 1746. Die dort angebotene Multivisionsshow lasse ich mir nicht entgehen und kann sie wärmstens weiterempfehlen. Das Schlachtfeld selbst ist nicht spektakulär, es sei denn, man möchte sich eingehender mit der Schlacht beschäftigen - dann nämlich sind die vielen gekennzeichneten Einheitenstellungen und die Tafeln interessant. Weiter geht es für mich auf der B9006 und B9090 (vorbei am Cawdor Castle) schließlich auf der A96 über die Grenze von Moray, dem Malt Whisky Country, nach Forres. Südlich davon besitzt Historic Scotland die "Dallas Dhu"-Destillerie, die ich besuchen möchte.


Dallas Dhu Destillerie

Glücklicherweise ist Dallas Dhu weitgehend außer Betrieb (1983 wurde die Produktion eingestellt, die letzten Fässer lagern natürlich noch) und ich kann nach Herzenslust fotografieren. Den Abschluß (oder Anfang der Besichtigungstour bilden Whiskyvideo und -probe, der Whisky ist leider kein Dallas Dhu, sondern eine "Vatted Malt"-Anfertigung für Historic Scotland). Der angeschlossene Shop bietet ausgerichtet auf die Örtlichkeit eine Vielzahl von Whiskysorten und anderen -produkten, darunter viele Miniaturflaschen. Mitglieder von Historic Scotland erhalten 20% Rabatt.
Wenige Kilometer später empfiehlt sich mir eine Wiese zur Übernachtung.

Do. 21.8.97, Forres - Speyside

[Etappe zeigen] Die heutige Route führt mich durch das Herz von Speyside, die Stadt Rothes bildet den Anfang: Glen Grant und die Destillerie des Speyburn sind hier unter vielen anderen ansässig. Bei Glen Grant ist man gerade mit viel Aufwand und 3 Mio. £ dabei, den berühmten Garten wieder in Schuß zu bringen, um auch über den Whisky hinaus eine Attraktion bieten zu können. Ansonsten halt die üblichen Dinge: Führung, Probeschlückchen und Video. Kaum will ich jedoch den Garten besichtigen, beginnt es, wie aus Eimern zu gießen - oder paßt hier besser: wie aus Whiskyfässern. Kommentar der Führerin vorher zum neblig-kühlen Vormittag: Nun beginnt es doch noch, ein richtiger schottischer Sommer zu werden.
Bei nachlassendem Regen fahre ich weiter nach Dufftown, Sitz der Glenfiddich Destillerie. Glenfiddich ist in vielerlei Hinsicht einen Besuch wert: der Eintritt für jährlich 120.000 Besucher ist kostenlos, aber nicht umsonst, in kurzen Abständen startet eine Diashow, um mit der Historie des Hauses bekanntzumachen und die Produktion von Whisky vorzustellen (6 Sprachen möglich), der die Führung durch die Produktionsanlagen folgt (10 Sprachen, in den Sommermonaten sind dafür bis zu 55 Führer beschäftigt). Glenfiddich füllt als einzige Destillerie neben Springbank den Whisky selbst in Flaschen (wegen der besonderen dreieckigen Flasche war dazu die Anschaffung einer deutschen Spezialanlage nötig) und erreicht einen Ausstoß von ca. 60 Flaschen pro Minute. Den Abschluß bildet, wie üblich, das "Tasting" von Glenfiddich Whisky oder alternativ der Genuß eines Glases Orangensafts - aber wozu besucht man eigentlich eine Destillerie?! Die hervorragende Besucherbetreuung ist sicherlich ein Grund unter anderen, warum Glenfiddich zu einem der beliebtesten Single Malts weltweit und Marktführer geworden ist.
Erwähnenswert ist noch die eigene Quelle namens Robbie Dhu, über die Glenfiddich verfügt, und die Wasser für alle Produktionsabschnitte bis hin zum Verdünnen des abzufüllenden Whiskys liefert. Übrigens, 50-jähriger Whisky ist hier auch zu haben, das sollte dem Kenner aber 5000 £ wert sein.
Während meines Destillerie-Besuchs hatte sich das Wetter dramatisch gebessert, die Sonne schien wieder. Ich nehme die A920 nach Huntly und entscheide mich beim Anblick der A96 für die Weiterfahrt auf der A97, einer landschaftlich interessanten Strecke, so daß ich es nicht bereue, ein wenig Reisegeschwindigkeit eingebüßt zuhaben. Kurz vor Lumsden hole ich Wasser und erkundige mich nach Möglichkeiten eines Zeltstandplatzes auf den nächsten Kilometern, was mir das Angebot einer Übernachtung im Wohnwagen einbringt, welchselbiges ich natürlich nicht ablehnen kann. So verbringe ich den Abend mit vollem Komfort (inkl. Wassserkocher und Toaster!!!).

Fr. 22.8.97, Bridge of Alford - Stonehaven - Royal Deeside

[Etappe zeigen] Mit flottem Tritt erreiche ich nach der Fahrt durch ein kleines waldiges Tal den Abzweig der A980 bei Bridge of Alford, die mir ein weiteres Tal erschließt, vorbeiführt am Craigievar Castle (leider noch geschlossen) und über einen Hügel schließlich ins nächste grünes Tal - eine regelrechte Talfahrt. Angenehm geht es nach Banchory (am Fluß Dee, wegen der Sommerresidenz Balmoral der königlichen Familie bei Crathie wird die ganze Gegend Royal Deeside genannt). Noch verschiebe ich meine Fahrt entlang des Dee zu Gunsten eines Abstechers nach Stonehaven - allein der Strecke wegen habe ich den nicht zu bereuen und der Anblick des Dunnottar Castle bei dem herrlichen Wetter entschädigt für evt. Strapazen.


Dunnottar Castle

Schon auf der Hinfahrt nach Stonehaven war mir ein schöner Platz zum Zelten am Dee aufgefallen, den suche ich jetzt auf und löse die Tagesbadegäste sozusagen ab - ein traumhaft schönes Fleckchen gleich neben der Straßenbrücke, ideal, um noch flink ein Bad zu nehmen und dann in aller Ruhe und Gemütlichkeit zu Abend zu speisen.
Beim Schreiben im Tagebuch unterbricht ein Mann auf der Brücke jäh die Gemütlichkeit und macht mir ziemlich knapp klar, daß ich auf Privatgrund gelandet wäre und sofort mein Zelt zu packen hätte. Die Horrorvision vor Augen, mir so spät einen neuen Platz suchen zu müssen, gebrauche ich meine ganzen Überredungskünste und erwirke meine Duldung bis zum nächsten Morgen - Schwein gehabt, aber so richtig schön wird der Abend nicht mehr.

Sa. 23.8.97, Royal Deeside - Glen Shee

[Etappe zeigen] Viel Zeit bleibt heute nicht zum Augenreiben, will ich mein Versprechen halten und bis 8 Uhr verschwunden sein. Dafür mache ich mein zweites Frühstück schon in Banchory im Supermarkt. Einige Meilen hinter Banchory biegt die B993 (später 976) auf die südliche Dee-Seite ab und führt sehr ruhig und fast ohne Autoverkehr parallel zur A93 durchs Tal. Nirgendwo habe ich bisher so viele tote Hasen gesehen wie hier, einige noch ziemlich frisch, andere sind schon fester Bestandteil der Straße geworden - beinahe hätte ich selbst einen "erlegt", doch entging er mir um Haaresbreite. Aus den Hügeln werden Richtung Ballater zunehmend wieder stolze Berge rechts und links des Tales, es geht wieder in die Grampian Mountains.
An der Straße fotografiere ich eins der ehemals so typischen roten Telefonhäuschen, in den Städten sind sie heute nahezu ausgestorben, auf dem Lande sah ich sie noch häufiger, und sei es als Fahrradgarage in einem Vorgarten.
Die Sommerresidenz von Königs - Balmoral Castle - ist leider wegen potentieller Anwesenheit von Mitgliedern des Königshauses nicht zu besichtigen, so auch heute (nur Mai-Juli, Mo-Sa 10-17 Grounds u. Ballroom Exhibition). Großes Glück habe ich immerhin, da die Queen heute nachmittag eine nahe Kirche besucht, wo eine Art Basar veranstaltet wird. Also nehme ich mir die Zeit zu warten und noch ein Foto zu erhaschen. Weiter geht's den Dee entlang nach Braemar, vorbei am Castle. In Braemar wendet sich die Strecke nach Süden, hin zum Devil's Elbow, mit 665 m dem höchsten Paß, den man auf einer Hauptstraße der britischen Inseln erreichen kann und den man von nahe Null bezwingen muß. Rechts und links der Straße bieten sich immer wieder günstige Gelegenheiten zum Campieren, wie vor mir schon einige andere erkannt haben, aber ich will den Paß heute noch mitnehmen und im Glen Shee übernachten. Der Anblick des faszinierenden Tales mit den typisch kahlen Hängen und einem immer wieder wechselnden Anblick nach jeder Straßenbiegung entschädigt für so manches, nur etwas kurz ist die Strecke zwischen den Bergen durch, mehr als ein Tag ist kaum zu genießen. Schneller als erwartet lange ich auf dem höchsten Punkt der Straße beim Skizentrum an, ergänze meinen Wasservorrat und nehme ein 10%-Gefälle unter die Reifen, das nahtlos auf 12% übergeht. Ich denke, daß der Aufstieg in meiner Richtung günstiger zu machen ist. An der Straße kann ich Schafgarbe für den Abendtee pflücken und halte hinter Spittal of Glenshee Ausschau nach einer Wiese. Heute verbrachte ich die 100. Stunde im Sattel.

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