Perth - Inveraray - Stirling - Edinburgh - Kelso

So. 24.8.97, Glen Shee - Loch Earn


Glen Shee

[Etappe zeigen] 6.10 blökt mich ein Schaf wach, trotz der Fernverkehrsstraße nebenan war die Nacht ruhig. In Fahrtrichtung wird die Landschaft zusehends flacher, es geht hinaus aus den "Highlands" im wahrsten Wortsinne, einem Trabi aus Leipzig begegne ich unterwegs. In Blairgowrie bin ich leider endgültig im Flachland angekommen, fast fühle ich mich auf den flachen Straßen an Finnland erinnert, würden am Horizont nicht die kahlen Hügel "stören". Kurz vor Perth besuche ich Scone Palace, um Mittagsrast zu halten (Indonesischer Reistopf - mmh!). Mein Mittagessen teile ich mit der Fasanendame, die mit ihren Jungvögeln über die Picknickwiese streift und schließlich an meinem Tisch auf die Bank gegenüber hüpft, um von mir mit Brotkrümeln beköstigt zu werden.
Der A85 durch Perth folgend radele ich über Crieff und Comrie gen Westen, eine lockere Angelegenheit dank guter Straße - ganz nach meinem Geschmack. In der Ferne erheben sich zu meiner Freude schon wieder stolze Berge, die ich bald erreiche. An der ruhigen Straße südlich von Loch Earn schlage ich einem Tip folgend mein Zelt auf.

Mo. 25.8.97, Loch Earn - Crianlarich - Glen Kinglas

[Etappe zeigen] Selten habe ich so gut geschlafen, es war mal wieder eine Nacht fernab vom Zivilisationslärm, lediglich kurz nach 2.00 mußte ich mal eine Maus von ihrem Nachtschmaus abhalten und aus meiner Eßtasche verscheuchen.
9.40 setze ich meinen Alu-Esel Richtung St. Fillans in Bewegung, um dort die Route über die verkehrsarme A85 am Loch Earn entlang einzuschlagen. Nach 10 km ist das Ende des Sees im Ort mit dem bezeichnenden Namen Lochearnhead erreicht. Eine längere schweißtreibende Steigung führt durch das Glen Ogle, nicht zu steil, nur eben lang, so daß ich sie mir mit einer Sanddornfruchtschnitte "versüße". Der Umweg über Killin beschert mir nicht den erhofften Blick auf Loch Tay, aber einen Dorfladen - der Ausflug nach Inveraray ist verpflegungstechnisch gesichert. Mit Aussicht auf den Ben More pedaliere ich Richtung Crianlarich, wo ich meiner Tour das Aussehen einer vermurksten 8 geben könnte, wenn ich einen kleinen Umweg nach Bridge of Orchy führe.


Glen Kinglas

Einige Kilometer vor Crianlarich halte ich am Straßenrand und werde von einem anderen Radler eingeholt, der an meinen Packtaschen zielsicher die Nationalität abliest: "Deutscher?" "Ja." Er ist ebenfalls mit den regendichten Ortlieb-Teilen bestückt und wir können uns deutsch unterhalten. In Crianlarich halten wir vergeblich Ausschau nach einem gemütlichen tea-room und kehren also im Dorfladen ein. Danach trennen sich unsere Wege wieder, ich biege nach Süden ab und staune: auf meinem "Höhenmeterkonto" muß ich noch ein üppiges Guthaben gehabt haben und fahre ewig lang bergab zum Loch Lomond, wo die Straße im angenehmen Schatten der Bäume ihre Fortsetzung nimmt. In Tarbet biege ich nach Westen ab, um meinen kleinen Abstecher nach Inveraray zu beginnen. Vorher studiere ich noch meine Karte und den Reiseführer, der mir einen 250m hohen Paß verheißt, den ich heute und morgen fahren darf.
Im malerischen Glen Croe angekommen, atme ich erst mal auf: Die Straßenbauer haben ganze Arbeit geleistet: wie mit dem Lineal gezogen zieht sich die Straße schnurgerade zum Paß hinauf, also alles halb so schlimm. Oben angekommen wird man nach beiden Seiten mit schönen Ausblicken in die Täler belohnt und zwangsläufig mit einer langen Abfahrt durch das Glen Kinglas bis hinunter auf Meereshöhe ans Loch Fyne. Direkt nach der Abzweigung der A815 finde ich ein altes Straßenstück, das in ein kleines Waldstück führt und auf einem kleinen Wiesenfleckchen endet - ideal für mich und mein Zelt. Gerade rechtzeitig vor einem kurzen, heftigen Gewitter sitze ich im Trockenen vor meinem reich gedeckten Tisch.

Di. 26.8.97, Glen Kinglas - Inveraray - Drymen

[Etappe zeigen] Nur noch 19 km sind bis nach Inveraray übrig, wo ich mir das Castle von außen betrachte und kurz durch das Städtchen radele. Die entsprechenden Ansichtskarten sind in der Touristeninformation für 15p (statt 35p im "Giftshop") zu haben. Eine schöne Aussicht auf das Castle ergibt sich auch von der Brücke auf der A83 aus, nicht umsonst werden Autofahrer vorher mehrfach gewarnt: No stopping on bridge.


Inveraray Castle

Um 14.30 bin ich zum zweiten Mal auf dem Paß angekommen und finde Glen Croe in einer anderen Lichtstimmung als gestern vor. Danach kann ich die am Vortag erklommene lange Abfahrt genießen. Unten halte ich zur Mittagsrast an der Touristeninformation. Auf dem Parkplatz steht ein uriges altes Bedford-Wohnmobil (Bj. '66) und als ich zum zweiten Mal vorbeikomme und den Fahrer mal auf sein Vehikel ansprechen will, werde ich zum Tee mit Marmeladen-Scones eingeladen, noch bevor ich den Mund aufgekriegt habe. Mit der Adresse der Bushells und der Aussicht, für eine Nacht mal ein Bett zu haben, wenn ich in der Gegend wäre, verabschiede ich mich gegen 16 Uhr und setze meine Fahrt nach Süden auf der teilweise stark befahrenen Straße am Loch Lomond fort. Mr. Bushell hatte vollkommen Recht, als er meinte, Loch Lomond wäre nach Norden viel interessanter zu betrachten, dann nämlich hat man noch die hohen Berge im Hintergrund und nicht das "flache Land" im Süden.
Vor Alexandria biege ich nach Drymen ab, um dort irgendwo zu übernachten. Nach längerer vergeblicher Suche halte ich bei einem Häuschen am Straßenrand und frage einfach mal nach einer Möglichkeit zum Zelten. Der freundliche Schotte gibt sich alle Mühe, kann sich aber auch keine Lösung für mein Problem vorstellen - bis ihm der rettende Einfall kommt: ich könne neben dem örtlichen Fußballplatz campieren, sofern dort am Abend das Training beendet ist. Er ist Präsident des zugehörigen Fußballclubs und es geht schon in Ordnung für eine Nacht, meint er. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, fahre die paar Meter zurück, der Platz ist schon leer und ich schlage mein Zelt auf echtem englischen (Fußball-)Rasen auf. Eigentlich ist es eine Schande, trotzdem die Liegematte auszurollen, aber mit ihr ist's halt wärmer, wenn auch bestimmt nicht weicher.

Mi. 27.8.97, Drymen - Fife

[Etappe zeigen] 9.30 beginnt es zu regnen, obwohl am Morgen die Sonne kurz hervorlunzte. Dennoch frohgemut starte ich, ein Liedchen summend in den neuen Tag. Die Umgehung der A811 auf der A81 nach Aberfoyle macht sich durch erheblich weniger Verkehr bald bezahlt. Loch Katrine zu besuchen hätte mich schon sehr gereizt, das miese Wetter macht mir aber einen Strich durch die Rechnung und ich lasse den Abzweig links liegen. Immer noch nieselt es unaufhörlich, die Hosen sind klitschnaß - natürlich habe ich mir in dem übermütigen Glauben, der Regen könne nicht lange anhalten, die Regenhosen gespart - und es wird recht kühl. Die Hauptstraße A84 Richtung Stirling ist pfützenübersät, denen ich wegen des starken Verkehrs nicht ausweichen kann und so bald vollgelaufene Schuhe habe - immerhin ein lustiger Anblick, wenn man die Schuhe später am Straßenrand ausschütten und die Socken auswringen kann. Kurz vor Stirling hat Petrus endlich ein Einsehen und der Regen hört auf.


Rest and be thankful

Stirling Castle ist meine nächste Station. Von außen ist es im Augenblick wegen umfangreicher Restaurierungsarbeiten an der großen Halle kein Schmuckstückchen, in Zukunft aber um so schöner auch von innen. Ich erwische eine interessante Führung und laufe selbst noch herum: Einer Erwähnung wert ist die Küche - stark beheizt, schwach beleuchtet und voll eingerichtet, inkl. künstlichen Lebensmitteln und lebensgroßen Puppen und ermöglicht so einen interessanten Einblick in mittelalterliches Burgleben. Neben meiner Stimmung besserte sich während der Besichtigung auch das Wetter, so daß die letzten Kilometer für heute ein Vergnügen zu werden scheinen. Nach dem Einkauf im Tesco finde ich auf Umgehungsstraßen schnell den Weg aus der Stadt, vorbei am Wallace Monument auf die A91 nach Dollar, während die Sonne mir den Rücken kitzelt.
18.30 bricht doch noch ein fürchterliches Gewitter los, so daß ich auf einer Farm Wasser besorge und noch einen Platz für mein Zelt empfohlen bekomme. Leider finde ich den nicht und lande auf einer Kuhwiese, die Tierchen verzichten dankenswerterweise auf die Verteidigung ihres Reviers und lassen mich in Frieden meinen Tee schlürfen. Das Gewitter geht so schnell, wie es kam und ich werde mit einem Regenbogen entschädigt.

Do. 28.8.97, Fife-Rundfahrt

[Etappe zeigen] Die Sonne scheint morgens vom blauen Himmel längs durchs Zelt und holt mich aus den Federn. Heute habe ich mir keine großen Ziele gesteckt: ein wenig Radeln und den Falkland Palace (früher Jagdschloß der Stuart-Könige) besichtigen, um dann am Abend noch so dicht wie möglich an Edinburgh heranzufahren. Die Gegend ist flach und das Fahren angenehm. In Cupar genehmige ich mir 4 Toffee-Pfannkuchen - die Füllung ist echt delikat, und beende meine Fahrt Richtung Osten, um nach Falkland zu fahren. Vom dortigen Palast steht nicht mehr allzuviel, etliche Räumlichkeiten sind dennoch mit viel Liebe hergerichtet und sehenswert. Hinter dem Palast befindet sich noch ein Garten und eine Tennisanlage von 1536.
Die Sonne ist Gewitterstimmung gewichen, aber abgesehen von dem gespenstisch von grau-braunen Wolken umrahmten düsteren Loch Leven bleibt mir das schlechte Wetter fern. Stracks fahre ich südlich auf Edinburgh zu, ein Einheimischer gibt mir den heißen Tip, im Scout- (Pfadfinder-) Camp nach einer Übernachtung zu fragen. "One night only? No problem." - der Platzwart zeigt sich hilfsbereit, offenbar ist die Hauptsaison schon vorbei. Leckerer indonesischer Reistopf und Erdbeertee zum Abend, bevor mich kurz vor 9 die Müdigkeit übermannt und ich mich "fitschlafen" kann für den morgigen Großsdtadtstreß.

Fr. 29.8.97, Fordell Firs - Edinburgh - Pencaitland

[Etappe zeigen] Eine ruhige Nacht in Fordell Firs geht zu Ende, genialerweise hat das Camp Duschen, weniger genial ist das Fehlen von Warmwasser - selten habe ich mich so schnell geduscht! 1,50 £ kostet die Nacht normalerweise, ein echt fairer Preis, dank leerer Wechselkasse komme ich umsonst davon. Das Camp ist von der B981 aus zu erreichen und auch unübersehbar beschildert, bei dem günstigen Preis und so nahe an Edinburgh ein echter "Geheimtip" für Radtouristen.


Melrose - am Busen der Natur

Kaum zurück auf der Straße (leichter Niesel) kann ich den ersten Blick auf die Forth Rail Bridge erhaschen, wenig später fahre ich selbst über die moderne Forth Road Bridge und nehme die markante rote Eisenbahnbrücke genauer in Augenschein. Schnurgerade führt die A90 durch einen Grüngürtel (zur Not wäre hier vielleicht noch ein Zeltplätzchen zu finden gewesen) bis ins Zentrum Edinburghs, geradewegs Richtung Princes Street. Bei McDonald's stärke ich mich mit heißem Apfelstrudel mit Eis, einen Burger verkneife ich mir lieber in der Befürchtung, er könne "wahnsinnig" gut sein. Nachdem die Touristeninfo nichts weiter bringt, mache ich mich auf den Weg zur Burg, wo trotz des immensen Eintrittspreises von 5,50 £ ein Riesenandrang herrscht. Den Eingang "bewachen" drei Soldaten, zwei stehen vor den Wachhäuschen, einer rennt immer hin und her und zupft seine Kollegen nach jedem Windhauch zurecht, außerdem posiert er bereitwillig als Fotomodell. Von der Burg herunter hat man einen tollen Überblick über Edinburgh, ansonsten ist wenig los. Die größte Attraktion auf der Burg ist vielleicht die zufällig anwesende Gruppe Japanerinnen in Kimonos, abgesehen von den Krönungsinsignien. Auf der Royal Mile erstehe ich ein schottisches Stoff-Fähnchen nebst einer Schottenmütze als nützliches Andenken.
Die erste Straße nach dem Bahnhof benutze ich, um Edinburgh zu verlassen. Später zweigt davon die A772 ab. Über Dalkeith weiter auf der A68, mein Schatten wird immer länger, dann abbiegen auf die A6093. Den verzeichneten Picknickplatz erreiche ich kurz nach 19.00.

Sa. 30.8.97, Pencaitland - Kelso

[Etappe zeigen] Die erste Amtshandlung heute ist der Besuch der Glenkinchie-Destillerie in Peastonbank (Wegweiser ab Pencaitland), einer Lowland-Destillerie. Anfangs wurde der hier produzierte Malt nur als "Zutat" für eine große Anzahl Blends verwendet, inzwischen ist der sogenannte Edinburgh Malt als einer der 6 Classic Malts auch als purer Lowland Scotch Whisky zu haben. Zum Ende der Saison findet die Tour in fast familiärer Atmosphäre mit zwei Engländern und zwei Franzosen statt. Vorher ist eine Ausstellung zu besichtigen, u.a. mit der Ausrüstung einer illegalen Brennerei und einem beeindruckenden Modell einer ganzen Destillerie inkl. aller Arbeitsgänge. Neben dem üblichen Dram können an der Whiskybar zahllose andere Sorten gekostet werden, ich genehmige mir noch einen Lagavulin (ein typischer Islay-Malt, ungeheuer trocken-torfig). Idyllisch schmale Landstraßen bringen mich vorwärts und ich kann feststellen, was das Straßenschild "Ford" bedeutet: Furt - plötzlich fließt ein Bach ungeniert über die Straße.


Tal des Gala Water

Schließlich auf der A7 angelangt, begannen die besten Kilometer des Tages, denn bis Galashiels führte die Straße beständig abwärts im Tal des Gala Water entlang und die Sonne tauchte die umliegenden Felder und Wiesen in alle möglichen leuchtenden Farben. In Galashiels biege ich auf die B6374 nach Melrose (eine Stadt am "Busen der Natur") ab, um die Abtei zu besuchen, halte mich dort jedoch nicht lange auf, da mich seit einiger Zeit eine dunkle Wolkenfront verfolgt. 17.00 blicke ich von Scott's View hinab ins Tweed-Tal und sehe zu, wie die Sonne langsam von den Wolken verschluckt wird. In der Hoffnung, in Kelso noch einen Supermarkt zu finden, besichtige ich die Dryburgh Abbey ganz kurz und lasse den Smallholm Tower links liegen. Dummerweise haben die Supermärkte schon ab 18 Uhr zu und ich muß leider :-)) mein Abendbrot mit Keksen bestreiten. Mein Zelt steht heute direkt am Tweed (ein Fußweg führt hinunter, nachdem die Straße den Caravanplatz-Abzweig und eine Brücke passiert hat).

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