Jedburgh - Kielder - Hexham - Newcastle - Hamburg

So. 31.8.97, Kelso - Kielder

[Etappe zeigen] Nach einer angenehm ruhigen Nacht beginne ich bei grauem Himmel den letzten Tag in Schottland. Zum ruhigen Plätschern des Rivers Tweed gesellt sich bald das emsige Rauschen meines Benzinkochers, der das Wasser für einen großen Pott englischen Breakfast-Tees kocht.
Mit dem Aufbruch habe ich so kurz vor Newcastle keine Eile und packe in Ruhe meine Siebensachen, ein wenig Nieselregen setzt beim Losfahren ein und so verzichte ich auf einen ausgedehnten Besuch der Kelso Abbey, eine Ruine sieht bei solchem Wetter eben noch ein bißchen ruinierter aus. Die ersten gemütlichen Radel-Kilometer bringen mich nach Jedburgh - einer kleinen Stadt, die neben der beeindruckenden Abteiruine aus dem 12.-14. Jahrhundert und dem Queen Mary's House auch den "last shop in Scotland" zu bieten hat, weit ist es nicht mehr bis zur Grenze.


Abend am Tweed

Leider hüllen sich die versprochenen bewaldeten Hügel in Dunst, lassen aber trotzdem ahnen, welcher Kontrast zu den kahlen Highlands Besucher hier bei schönem Wetter erwartet. So bilden die rosafarbenen Blüten am Straßenrand einen fantastischen Kontrast zum Wetter, als ich mich die letzten Meter eines Anstieges hinaufmühe und es so düster ist, daß entgegenkommende Autos mit Licht fahren müssen.
Und am letzten Augusttag des Jahres beende ich um 16:49 an der schottisch-englischen Grenze meinen Schottland-Aufenthalt, obgleich nicht meine Reise. Das größte Waldgebiet Großbritanniens, Kielder Forest, mit dem Stausee Kielder Water empfängt mich kühl und nebelig, doch dafür ist kaum ein Erholungssuchender in dem riesigen Urlaubsareal unterwegs und ich habe die Straße für mich. Ein Parkplatz mit schönem Talblick wird mir zum Platz für die Nacht, eine letzte warme Tütenmahlzeit findet sich noch in der Tiefe meiner Packtaschen und der Kamillentee beruhigt eine aufkeimende Erkältung, bevor ich müde und zufrieden in den Schlafsack krieche.

Mo. 1.9.97, Kielder - Prudhoe

[Etappe zeigen] Dieser Tag verspricht einer der weniger erhebenden zu werden, am Morgen nieselt unentwegt Regen aufs Zelt, mehr, als mich bis nahe an Newcastle heranzupirschen, habe ich heuer nicht vor. Beim Frühstück entdecke ich die Stelle, an der letztlich die Maus knabberte: meine Kinderflakes. Kurz vor 12.00 beginne ich nach seelenruhig verbrachtem Vormittag doch noch den Radeltag. Vom nahen Fluß ist leider wenig zu sehen, der Himmel zeigt sich immer noch einheitsgrau, inzwischen jedoch ohne Regen. An Bellingham vorbei (das Flüßchen wird zum North Tyne) folge ich immer der Beschilderung "Hexham", manchmal bläst der Wind so stark, daß ich befürchte, den Hügel rückwärts wieder hinaufzurollen, statt vorwärts und hinunter. Bald erreiche ich ein Stück meiner Hinfahrtstrecke - den Kreisverkehr in Chollerford. Den Besuch im Fort könnte ich jetzt nachholen - besitze im Moment aber nur 21 Pence. Also weiter nach Wall. Dort lädt die Dorfwiese zur Mittagsrast ein, eine Menge Brombeergebüsch mit reifen Früchtchen steht herum. Auf der großen Wiese ist zu meiner großen Überraschung per Schild das Zelten für lediglich eine Nacht erlaubt! Angesichts der ebenfalls vorhandenen Toiletten ein echter Geheimtip auch für Radeln entlang des Hadrians Wall. Nach Stärkung mit Sardinen erreiche ich bald Hexham. Als ich dort das Kaufhaus verlasse, ist der graue Himmel wie weggeblasen und macht strahlendem Sonnenschein Platz (der zweite überraschende Wetterwechsel neben dem in Dufftown). Vesper auf der Bank vor der Touristinfo. Die 2-Liter-Flasche Cream-Soda ist binnen einer Stunde Geschichte. Hexham verfügt im übrigen über eine erhaltene Abtei, die etwas von dem Eindruck vermittelt, den all die anderen Gemäuer einmal vermittelt haben mögen.
Die A695 führt mich schließlich ohne weitere Besonderheiten, außer dem schönen Wetter natürlich, nach Prudhoe. Auf der Karte entdecke ich eine kleine Stichstraße nach Süden, sie führt vorbei an einem Krankenhaus und schließlich zwischen Feldern und Gehöften hindurch. Einem öffentlichen Fußweg kurz hinter einer Brücke über eine ungenutzte Wiese folgend erreiche ich einen schönen Platz zum Übernachten: eine riesige grüne Wiese fernab vom Verkehrslärm ganz allein für mich. Der Himmel über mir wolkenlos - ist schon ein komisches Wetter hier, im Moment allerdings angenehm komisch.

Di. 2.9.97, Prudhoe - Newcastle - South Shields

[Etappe zeigen] Noch 15-20 km trennen mich vom Zentrum von Newcastle, am Abend werde ich mir einen fährnahen Zeltplatz suchen oder zur Not hierher zurückkommen.
Im Tyneside Country Park existiert ein tw. asphaltierter Wander- und Radweg auf einer alten Eisenbahnstrecke, ideal also - nur Camping ist verboten. Ziemlich am Ende des Weges staube ich in der Rangerstation eine Karte mit den Radwegen in Newcastle ab. Mit ihrer Unterstützung und einigem Zickzack komme ich zur Uferpromenade am Tyne mit bestem Blick auf die imposante Zahl von Tyne-Brücken in tw. großer Höhe. Die Grey Street hinauf fahre ich bis zum Monument für den Earl Grey (vielleicht der, von dem der Tee seinen Namen hat?) und biege zur Touristeninformation ab. Hier kann ich ein paar kostenlose Sehenswürdigkeiten in Newcastle in Erfahrung bringen, außerdem die Lage des nächsten Tesco-Supermarktes wegen Keksen und den Preis für den Campingplatz in South Shields. Vor der Info spricht mich ein Brite an, der gerade die Kirche sucht, wo er seinen Namen in ein Buch für Diana setzen kann. Eine Weile quatschen wir über mein Woher und Wohin und da ich noch ein Musikgeschäft suche, begleitet er mich der Einfachheit halber gleich hin und ich erfahre noch ein paar interessante Schnipsel über Newcastle, allerdings bleibt meine Earl Grey-Frage weiter ungeklärt. Im Unigelände existiert eine Ausstellung zum Hadrians Wall, wo mich am meisten das maßstabsgerechte Modell des Walls von Küste zu Küste beeindruckt hat und ich mir den Mithras-Kult der Römer erklären lasse. Über den Mega-Tesco in Tynehead und McDonalds (3. Eis für heute) radele ich nach South Shields zum Campingplatz. Der erste Blick der Platzwartin gilt meinem Fahrradschloß, es wird für tauglich befunden und ich werde aufgefordert, mein Fahrrad sicher am Zaun anzuketten, kein Gepäck draußen und nicht mal in der Apsis liegen zu haben - tolle Gegend hier. Immerhin wollen mit mir morgen noch 4 weitere Radler die Fähre nehmen (2 "Solisten" wie ich und ein Pärchen) und es gibt beim Abendessen wenigstens was zu erzählen.

Mi. 3.9.97, Newcastle - Nordsee

[Etappe zeigen] Was läßt sich groß berichten: Letzter Besuch am Morgen bei Safeway, ich erstehe noch etliche Streichholzschachteln für meine Sammlung und Toffeepfannkuchen als zweites Frühstück. Übersetzen mit der Fähre über den Tyne, von dort sind es nur noch wenige Minuten zum Terminal, wo außer uns schon ein ganzer Schwung anderer Zweiradler wartet. Irgendwie sehen alle etwas abgekämpft und müde aus, leicht dürr oder wild mit Dreitagebärten, eingehüllt in Regenzeug und kollektiv bis 11.00 frierend und wartend. Die britische Fahne weht auf Halbmast und ich erfahre mit drei Tagen Verspätung auch vom Tod der Prinzessin.


Loch Lomond

Im zum Schlafsaal umfunktionierten Kino erhasche ich einen Platz auf dem Boden und kann einer Nacht im Liegen statt Sitzen entgegensehen. Zügig lassen wir nach dem Ablegen Newcastle hinter uns und sind wieder auf See. Das Deck ist diesmal wegen des schlechten Wetters leergefegt und ich sitze mit Roland aus Limburg und Paul aus Rostock (studienhalber) erzählender- und essenderweise unter einem Vordach.
Später verkriechen wir uns in die Wärme des Schiffes, das inzwischen ganz erheblich zu schaukeln begonnen hat. Wir haben den besten Platz gegenüber der Schiffsinfo - der zentralen Sammelstelle für alle Seekranken, die dort zwei Pillchen bekommen. Roland vergeht der Appetit, ich komme mit leichten Kopfschmerzen davon und torkele (nüchtern wohlgemerkt) mit allen anderen Passagieren durchs Schiff.
Ab 21.00 statten wir zu zweit dem Schiffsklub einen Besuch ab, wo das Unterhaltungsprogramm so schlecht ist, daß es schon fast wieder lustig wird. Auffällig ist die große Zahl der asiatischen Beschäftigten, im Klub-, Service- u. Gastronomiebereich nahezu 100%.

Do. 4.9.97, Nordsee - Hamburg

Inzwischen ist die Elbe erreicht und der Seegang hat ein Ende, Roland dankt's mit kräftigem Appetit. Am Vormittag erledigen wir unsere Duty-free-Einkäufe (Whisky ist an Bord eben erheblich billiger als in Schottland und etwas billiger als zu Hause :-)) und setzen die letzten Pence gemeinsam in Süßigkeiten um.
Schnell vergeht die Zeit bis 13.00, als das Schiff in Hamburg anlegt. Nur wenige Meter sind es für mich wieder nach Altona (allerdings beschwerlich dank der zahlreichen Einkäufe), wieder vorbei an der Kette der Fischfirmen mit einem letzten Blick auf den Hafen mit den bunten Containerhaufen und einem Meer von Verladekränen (das Fahren auf der rechten Straßenseite ist kurz ungewohnt), Paul und Roland fahren zum Hauptbahnhof.
Kaum zu Hause angekommen, ist der Sommer auch schon wieder vorbei, die Bäume verlieren die ersten Blätter, Briefe kosten inzwischen 1,10 DM und die Supermärkte haben schon das volle Weihnachtssortiment aufgefahren. Willkommen daheim - und den möchte ich sehen, dem es bei solch einem Empfang nicht gleich wieder in den Beinen kribbelt.
Wohin mich mein Rad das nächste Mal trägt, weiß ich noch nicht, aber Ideen bestehen schon und für Tips bin ich nach wie vor dankbar. Vielleicht hat mal ein(e) Radler(in) die Nase voll davon, immer nur allein unterwegs zu sein und meldet sich? Ziemlich konkret schweben mir noch die Nordkalotte und Island vor und ein wenig weiter weg Richtung Australien/Neuseeland bzw. Nordamerika (ganz nördlich - Kanada oder Alaska) ist hoffentlich auch mal drin.

Herzlichen Glückwunsch all denen, die bis hier durchgehalten haben und Danke für das Interesse. Schreibt doch mal!

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